Kurzgeschichten

Operation Sommerzeitende

Aus dem Leben von Meier-Müller
buch



Aus Anlaß der Beendigung der Sommerzeit brachte unser lokaler Radiosender am Morgen des heutigen Sonntags einen Aufruf an die Hörer:
"Wie haben Sie die zusätzliche Stunde genutzt - rufen Sie uns an!"
Das taten die Hörer dann auch reichlich. Die meisten hatten das sinnvollste überhaupt getan - sie haben einfach eine Stunde länger geschlafen. Eine Hörerin gönnte sich ein Sektfrühstück und einer sah sich geneigt die zusätzlichche Stunde zu nutzen, um sich eventuell mal mit seiner Frau zu unterhalten. All dies sind sicherlich sinnvolle Möglichkeiten diese Stunde zu nutzen.

Wie wir diese Stunde bei uns nutzten, das will ich Ihnen im folgenden berichten. Denn alljährlich herrscht in der Woche vor dem Ende der Sommerzeit emsige Geschäftigkeit in unserem Hause. Zumindestens bei Susanne und mir. Ein Teil der Geschäftigkeit besteht darin, Max nichts von unserer Geschäftigkeit merken zu lassen. Ein anderer Teil besteht in der Auflistung, aller in unserem Haushalt vorhandenen Uhren.

In diesem Jahr kamen wir auf 34 Exemplare: Omas alte Standuhr in der Diele, meine fünf und Sannchens zehn Armbanduhren, die Küchenuhr an der Wand, am Herd und an der Mikrowelle. Die Uhr im Badezimmer und die zwei Exemplare, die im
Wohnzimmer tickten. Jeder von uns besaß einen Wecker, ich zur Sicherheit zwei und außerdem waren auch noch zwei unserer Radios mit einem Chronometer ausgestattet. Dann blieben uns nur noch die drei Telespiele von Max, mein alter Computer, Sannchens neuer Taschenrechner und Mäxchens Federmappe.

Der letzte Teil unserer Geschäftigkeit schließlich, gilt der Zusammensuchung aller eventuell nötigen Gebrauchsanweisungen. Der Grund für diese alljährliche Geschäftigkeit ist die Wissbegier meines Sohnes Max. Vor drei Jahren fragte er zum erstenmal, wieso denn auf einmal alle Uhren nachgingen. Damals verfluchte ich meine Idee, ihm die Uhr schon so früh beizubringen. Eine ganze Woche nervte er Sannchen und mich mit seiner diesbezüglichen Fragerei ohne die Antwort auch nur annähernd zu begreifen. Seitdem habe ich zumindestens zweimal im Jahr Sannchens volle Unterstützung.

Wie ein Damoklesschwert hing Mäxchens mögliche Frage auch in diesem Jahr wieder über unseren Köpfen. Pünktlich um drei Uhr morgens klingelte an diesem Sonntag mein Wecker. Nachdem er mich endlich wachbekommen hatte, nutzte ich gleich die Gelegenheit, um ihn eine Stunde zurückzustellen. Zwei Uhr und zwei Minuten.





Langsam stand ich auf, schlüpfte in meine Pantoffeln und den Bademantel, die ich mir am Abend zuvor glücklicherweise so zurechtgelegt hatte, daß ich nicht erst lange durch das dunkle Zimmer stolpern musste und wertvolle Zeit dabei verschwendete. Auf Zehenspitzen schlich ich über den Flur in Sannchens Zimmer, wo sie seelenruhig schlief.

Vorsichtig schüttelte ich ihre Schulter, nicht ohne vorher meine andere Hand über ihren Mund zu legen, damit sie nicht gar vor Schreck aufschrie. Sie tat es nicht.
"Was ist denn?" murmelte sie verschlafen." Hast Du eine Ahnung wie spät es ist?"
Hatte ich. Ich sah auf meine Armbanduhr und stellte zu meinem Entsetzen fest, das sie tatsächlich noch Mitteleuropäische Sommerzeit anzeigte. Schnell rechnete ich um.
"Genau sechs Minuten nach zwei," verkündete ich.
"Waaas?" Schlagartig fuhr sie aus dem Bett hoch. "Rasch, worauf wartest Du noch."

Als bewährte Operationsbasis hatten wir uns das Badezimmer ausgesucht. Erstens war es der Raum, der am weitesten von Mäxchens Zimmer entfernt war, zweitens lies sich dieser Raum abschließen und drittens war er absolut sicher was Ausreden betraf.
Sollte uns Mäxchen hier ertappen, konnten wir immer noch vorgeben, Sannchen sei schlecht geworden und sie hätte mich geweckt oder etwas ähnliches. Rasch schminkte ich ihr mit der Vampiercreme vom letzten Karneval etwas Blässe ins Gesicht. Elf Minuten nach zwei; unsere Operation "Sommerzeitende" konnte starten.

"Wo ist die Liste?" fragte ich.
"Moment." Susanne begann im Korb mit der Schmutzwäsche zu wühlen. Währenddessen lockerte ich einige der Kacheln in Bodennähe und holte dahinter die Schachtel mit unseren Armbanduhren hervor, die wir, um Zeit zu sparen, dort versteckt hatten. Ich sah auf die Uhr. Viertel nach zwei - perfektes Timing. Während Sannchen über die Feinmechanik der Badezimmeruhr fluchte, tat ich selbiges über ihre Armbanduhren. Sie waren einfach nicht für plumpe Männerhände geschaffen. Für einige benötigte ich sogar eine Pinzette. Überhaupt wunderte ich mich wie immer darüber, warum man soviel verschiedene Uhren brauchte. Als Sannchen endlich mit der Badezimmeruhr fertig war, überließ ich ihr ihre Uhren und machte mich an die meinen. Bis auf die beiden Digitaluhren ging das relativ flott. Der Schweiß floß in Strömen an uns herab.
"Fertig," meldete Susanne, während ich gerade die Arbeit an der zweiten Digitaluhr abschloss.





"Perfekt." Vorsichtig schoben wir den Karton in sein Vesteck zurück und fügten die Kacheln ein. Bei Gelegenheit würden wir ihn im Laufe des Tages wieder hervorhohlen.

Genau um zwei Uhr siebenundzwanzig öffnete Sannchen die Badezimmertür und schlich vorsichtig heraus. Ich folgte nur wenig später. Während sie sich in der Küche zu schaffen machte, schlich ich ins Wohnzimmer. Ich brauchte nicht lange um meinen Part zu erledigen und folgte dann Sannchen wie besprochen in die Küche um sie dort tatkräftig zu unterstützen.

"Verdammt," zischte sie. "Ich komm mit der Mikrowellenuhr nicht zurecht. Scheiß Technik. Hol mal die Gebrauchsanweisung."
Ich schlich ins Badezimmer zurück und holte die Gebrauchsanweisungen unter den Badetüchern hervor. Rasch fand ich die für die Mikrowelle. Die entsprechende Seite war aufgeschlagen und die Stelle mit Textmarker markiert. Es geht nichts über perfekte Planung. Wo war bloß die Taschenlampe. Letztes Mal hatte sie doch noch unter dem Deckel der Wasserspülung gehangen. Ich fragte Susanne leise danach, als ich ihr die Gebrauchsanweisung brachte.
"Weißt Du nicht mehr, daß sie letztesmal ins Wasser gefallen war, als wir sie brauchten?"
Ich schlug mir mit der flachen Hand auf die Stirn.
"Stimmt ja, aber wo ist sie jetzt?" Sie zeigte auf den Backofen. Richtig, da hatten wir sie plaziert in der Ahnung, daß wir sie in der Küche zuerst brauchen würden. Ich reichte Susanne die Lampe.
"Also," begann sie, "drücken Sie Knopf fünfunddreißig solange, bis die Anzeige anfängt zu blinken. Greifen Sie dann hinter das Gerät und drücken Sie gleichzeitig auf die Tasten sieben und vierundzwanzig..."

Ich beschäftigte mich mit derweil mit der Uhr an Ofen und an der Wand.
"Bist Du bald soweit," fragte ich sie, als ich fertig war. "Moment noch," flüsterte sie zurück. "Zwei Uhr dreiundvierzig, geschafft." atmete sie auf. "Weiter im Takt." Wir schlichen ins Bad zurück. Susanne hakte die bereits verstellten Uhren auf der Liste ab.
"Scheiße, stellte sie fest, "wir sind schon fünf Minuten über der Zeit."
Der Vater und Erzieher in mir erwog für einen kurzen Augenblick, die Tochter für den Gebrauch dieses anrüchigen Wortes zu tadeln, doch sofort wurde mit bewußt, daß dies unseren ganzen Zeitplan ins tiefste erschüttern würde.

Während ich noch einmal in unser Wohnzimmer eilte, weil ich den Computer vergessen hatte, suchte Sannchen die drei restlichen Wecker,





Mäxchens Telespiele, seine Federmappe und ihren Taschenrechner zusammen und brachte sie ins Bad. Auf diesem Gang stellte sie gleichzeitig die Radios in ihrem und meinem Zimmer zurück. Unsere jahrelange Übung machte sich dabei bezahlt. Sogar blind im dunkeln fand sie die richtigen Knöpfe.

Um zwei Uhr fünfzig trafen wir uns wieder im Bad. Während ich mich über Mäxchens Telespiele hermachte, wälzte sie die Bedienungsanleitung ihres Taschenrechners. Da wir ihn erst vor kurzem gekauft hatten, hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt zu üben. Da hatte ich es mit den Telespielen leichter. Sie waren alle drei von der gleichen Machart und so konnte ich mich bald an die Federmappe ranmachen. Ich wollte mich gerade auf den ersten Wecker stürzen, als in der Diele Großmutters alte Standuhr vier schlug. Noch nie waren mir ihre schläge so laut vorgekommen. Schlagartig hielten Sannchen und ich inne und lauschten gespannt ob Mäxchen vielleicht wachgeworden war, jederzeit auf den Sprung alle Spuren unserer Tätigkeit blitzschnell zu beseitigen. Als nach einigen bangen Minuten nichts geschehen war, machten wir noch verzweifelter weiter.

"Wir haben Großmutters Uhr vergessen," bemerkte Susanne. Ich bedankte mich für diesen wirklich hilfreichen Hinweis und trieb sie zur Eile mit ihrem Rechner an. Endlich schien sie es geschafft zu haben.
Vorsichtig steckte sie ihren Kopf aus dem Badezimmer heraus und schlich in Richtung der alten Standuhr davon. Gerade als ich mit dem letzten Wecker fertig war, kam sie zurück.

"Alles paletti," verkündete sie während sie die Uhren vom Boden aufklaubte. Als sie unterwegs war,um sie wieder an ihren Plätzen aufzustellen, checkte ich nocheinmal die Liste.

"Geschafft," berichtete ich Sannchen und schüttelte ihre Hand."Die Operation "Sommerzeitende" ist hiermit erfolgreich abgeschlossen und wir sind nur zwölf Minuten über den Zeitplan." holte dahinter. Wir jubelten innerlich. Aufgeregt und darauf bedacht nicht noch in letzter Minute alles zu verderben und Mäxchen aufzuwecken, schlichen wir in unsere Zimmer. An Schlaf war allerdings vorerst nicht zu denken, schließlich lief unser Kreislauf auf Höchsttouren.

An diesem Morgen war Max verständlicherweise der einzige der ausgeschlafen war. Laut rufend weckte er uns zum Frühstück. "Aufstehen ihr Schlafmützen. Warum seid ihr denn so müde. Immerhin konntet ihr doch eine Stunde länger schlafen heute nacht, die Sommerzeit ist ja heute zuende gegangen. Das haben wir letzte Woche in der Schule durchgenommen. Ich habe auch schon alle Uhren zurückgestellt, nur Eure Armbanduhren noch nicht, die konnte ich nicht finden."
Immerhin ein Teilerfolg.




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