Kurzgeschichten

7 Jahre - Schulzahnarzt

Aus dem Leben von Meier-Müller
buch



"Pappi, morgen kommt der Schulzahnarzt zu uns in die Schule." Mit dieser Nachricht überfiel mich mein jüngster beim Mittagessen. Anstatt ihm eine Antwort zu geben, verschluckte ich mich prompt an einer heißen Kartoffel, hustete ich ihm zunächst nur etwas vor und schwieg dann ganz dezent.

"Pappi!" mein Jüngster gab nicht so schnell auf.
"Ja, mein Sohn?" fragte ich in den lieblichsten Tönen.
"Morgen kommt der Schulzahnarzt."
"Das hast Du mir eben schon erzählt?"
"Ja, und?"
"Was, und? Du hast doch gute Zähne, oder?"
Seine Antwort bestand aus einem Brummen, daß ich hier wegen der fehlenden Kommunikations ebene leider nicht wiedergeben kann. Langsam schob er sich vom Stuhl und machte sich daran, in sein Zimmer zu gehen. In mir wuchs ein Verdacht.

"Mäxchen!" Stocksteif blieb er stehen. "Mäxchen, komm doch mal her."
Er kam. Was blieb ihm auch anderes übrig. Als er mir Auge in Auge gegenüberstand, wollte ich ihm eine Moralpredigt halten. "Wird schon werden, mein Junge," war alles was ich herausbrachte. "Du bist doch schon ein großer Mann, oder?"
"Nein, ich bin erst 7 und noch ganz klein."
Sein Realismus überraschte mich immer wieder.
"Aber Pappi hatte früher auch nie Angst vor dem Schulzahnarzt." Erstaunt sah er mich an, aber er schien mit der Antwort zufrieden zu sein und trottete hängenden Kopfes ab.
Mit Schrecken dachte ich an die Ängste, die ich immer ausgestanden hatte, wenn der Zahnarzt zu uns in die Schule kam. Ohne anschliessendem Besuch beim eigenen Zahnarzt lief da nichts. Einmal mußte ich sogar zum Orthopäden. Von diesem Moment an stand ich mit der potthäßlichen Helga aus meiner Klasse auf der gleichen sozialen Stufe - der untersten! Dabei hatten wir wirklich nichts gemeinsam - bis auf die Zahnspange.

Am nächsten Morgen war Mäxchen nicht aus dem Bett zu bringen. Doch ich blieb hart. Hatte ich ihn doch gestern dabei beobachtet, wie er sich eine halbe Stunde die Zähne geschrubbt hatte. Soviel Eifer musste belohnt werden. Zur Sicherheit brachte ich ihn zur Schule. Verständlicherweise fieberte ich seiner Rückkehr entgegen. Nervös lief ich im Wohnzimmer auf und ab, bis der gute Perser durchgelaufen war. Dann zerschlug ich beim Spülen drei Teller von Großmutters Meißener und zuletzt mußte auch noch unser Badezimmerspiegel daran glauben. Wer weiß, was ich sonst noch angestellt hätte, wenn ich nicht in diesem Moment durch ein verdächtig vertraut klingendes Geheule von der Straße her abgelenkt worden wäre. Tatsächlich da stand mein Jüngster auf der Türschwelle und heulte zum Steinerweichen.

"Ist doch alles nicht so schlimm, Mäxchen," versuchte ich ihn zu trösten, als ich ihn endlich hereingeschafft hatte.
"Doch!" kam es trotzig zurück.
"So schlimm?"





"Viel schlimmer."
"Was hat denn der Zahnarzt gesagt?" Diese Frage hielt ich zur Klärung der Situation langsam für angebracht.
"Ich, Ich, Er, Er hat..." Worauf er wieder in ohrenbetäubendes Heulen verfiel.

Ich beschloß ihn alleine zu lassen in seinem Schmerz, schnappte mir das Telephon und sperrte mich im Wohnzimmer ein. Jedoch nicht ohne mich vorher zu vergewissern, daß Mäxchen auch wirklich nicht lauschte. Zum Glück kannte ich aus meiner Studienzeit noch einen Freund, der Zahnmedizin studiert hatte. Ihm erklärte ich die Situation. "Kein Problem," versicherte er mir, "heutzutage werden fast alle Kinder beanstandet. Komm morgen mit Mäxchen in meiner Praxis vorbei. Ich brauch nur einen Krankenschein und den roten Schein, den der Schulzahnarzt Max gegeben haben muß. Wenn er einen gelben Schein, wende Dich am besten direkt an einen Kieferorthopäden. Warte ich kann Dir da einen..." so redete er ca. eine halbe Stunde.

Während mich Mäxchens Geheule davon überzeugte, daß er noch in seinem Zimmer war, notierte ich mir die Adressen. Als er endlich aufgelegt hatte, stürmte ich ins Kinderzimmer aus dem immer noch markerschütterndes Schreien und Toben kam. Ich fand Mäxchen auf dem Bett liegend, mit Armen und Beinen schlagend und wie er ab und an diverse Gegenstände in alle vier Ecken des Zimmers verstreute. Als ich die Tür öffnete, konnte ich gerade noch einem fliegenden Buch ausweichen.
Es landete mit lautem Platsch im Aquarium und sorgte dort für nicht geringe Unruhe unter den sich darin befindlichen Fischen.

"Mäxchen." begann ich unsicher. Geduldig wartete ich die 10 Minuten, bis er sich endlich dazu berufen fühlte, mit dem heulen aufzuhören. Ich setzte mich neben ihn, entwand die Bleikristallvase seiner Hand und umarmte ihn kräftig.
"Oh, Pappi, diese Schande."
"Ist doch alles halb so wild," versuchte ich ihn zu trösten. "Stell Dir vor, ich habe schon mit einem alten Freund gesprochen. Er ist Zahnarzt und meint, wir sollen morgen früh gleich... "

Weiter kam ich nicht. Wieder setzte sein ohrenbetäubendes Geschrei ein, so daß jede Kommunikation von vorneherein unsinnig war. Als er Anstalten machte aufzuhören, setzte ich erneut an.
"Wir brauchen nur den roten Schein vom Schulzahnarzt und..." Wieder begann Mäxchen zu schluchzen. Ich ahnte schlimmes. "Ist der Schein vielleicht gelb?" fragte ich vorsichtig nach, eigentlich hatte ich jetzt schon wieder ein neues Lostrompeten erwartet, doch nichts dergleichen ertönte.

"Ach, Pappi," schluchzte Mäxchen. "Es ist so schrecklich, es gibt gar keinen Schein. Keinen roten, keinen gelben, keinen gar nichts. ich bin der einzige, der keinen Schein bekommen hat!"
Ich begab mich auf die Suche nach Oropax.




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