denk-mal

Die Geschichte von Orna Birnbach

Briefe aus Auschwitz und Wilna

Sie sind hier: ak-extra / denk-mal / orna birnbach / briefe



Brief aus Auschwitz

Familienbilder
Im November 1944 wurde Orna Birnbach in Auschwitz von ihrer Mutter getrennt. Die Mutter wurde wider Erwarten am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit. 1945 fanden sich Mutter und Tochter wieder, es folgen Seiten aus dem ersten Brief nach der Befreiung.


[...] Die Blockleiterin hat mir ehrlich geglaubt, dass ich schwach sei, auch auf den Beinen, aber ohne dass eine Krankheit ausbrach, durfte sie keinen ins Krankenhaus überweisen. Ich fing schrecklich an zu weinen bei dem Gedanken, dass ich wieder in die verfluchte Baracke zurückkehren müßte. Sie war leicht ergriffen, dachte vielleicht 15 Minuten nach und am Ende hat sie mir irgendeine Krankheit aufgeschrieben und gab die Überweisung.

Aber damit noch nicht das Ende! Unterwegs zum Krankenhaus hat die Aufseherin alle untersucht, auch Thermometer angelegt und wen sie für gesund hielt, schickte sie in die Baracke. Ich habe wahrscheinlich so schrecklich ausgesehen, dass sie mich durchließ. Tag und Nacht schlief ich aus Erschöpfung.

Ich wurde nur wach zum Essen. Am 16. Januar 1945 wurde das ganze Lager evakuiert. Befehl: Wer auf den Beinen stehen könne, solle sich vor die Baracke stellen. In Hemd, Decke und in Holzschuhen sollte die Reise losgehen. Zum Glück haben sie uns die Wahl gelassen, dass, wenn einer zu schwach sei zum Laufen, er dableiben solle. Es würde ein spezieller Waggon kommen und den Rest mitnehmen.

Ohne viel nachzudenken, bin ich als erste in die Baracke reingegangen, ohne auf die Überredungskünste meiner Freundinnen zu achten, die sagten, dass es sich um einen klaren Hinterhalt handeln müsse. Ich habe lieber den Tod auf der Stelle gewählt, statt irgendwo unterwegs zu erfrieren. Viele Kranke und schwache Menschen sind gegangen und aufgrund der Schwäche sind sie auch nicht weit gekommen und wurden erschossen.

Von Zeit zu Zeit zeigte sich ein Deutscher, der Befehle gab. Drei Tage, bevor die Russen kamen, erschienen zwei Deutsche, die befahlen, dass alle Juden sich zum Ausmarsch hinstellen sollten. Wer bleibe, werde erschossen. Viele haben sich hingestellt. ich mit meinen drei Freundinnen, wir haben nach einer langen Beratung beschlossen, dass wir uns verstecken und wieder auf den Tod warten. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass in solchen Fällen derjenige, der sich versteckte, auch verschont blieb.

Wir verbrachten eine schreckliche Nacht in Erwartung unseres Urteils. Uns trennten nicht mal drei Tage von der Befreiung, aber das war wie eine Ewigkeit!

Am 27. Januar 1945 um ein Uhr nachts wurde ich durch eine russische Stimme in der Baracke wach. Ich weckte meine Freundinnen auf, die glaubten, ich würde träumen. Wir sprangen aus den Betten und konnten augenscheinlich feststellen [...]

Erster Enthusiasmus und Freude ... und dabei eine Erbitterung ... Wo sind der Vater, wo du ... vielleicht bin ich unnötig gerettet?

Und es kam der Moment, wo ich erfahren habe, dass du lebst!

Das Pelzgeschäft der Familie Blauner in Wloclawek. Vor dem Geschäft steht Orna Birnbachs Onkel.


Orna Birnbach mit Cousinen in Tarnow 1940


Pessach Fest bei den Großeltern von Orna Birnbach 1933


Tante und Onkel von Orna Birnbach 1934 mit Freunden in Thorn




Brief aus Wilna

Wloclawek (Polen)

Der Beginn der deutschen Besetzung von Polen im September 1939 - Ein Augenzeugenbericht

Jakub Rosenberg (Ein Verwandter von Orna Birnbach in Wloclawek), schreibt an seinen Bruder in Tel Aviv von Wilna aus, wohin er geflüchtet war.

Wilna 1940

Am 14. September 1939, dem ersten Tag von Rosch Haschana, dem Neujahrsfest der Juden, sind deutsche Truppen in die Stadt einmarschiert. Die Juden haben damals nur daheim und nicht in der Synagoge gebetet.

Die erste deutsche Patrouille in voller Ausrüstung ging ins Rathaus, um die Macht über die Stadt zu übernehmen. Sofort kamen Befehle in polnischer und deutscher Sprache, dass die Bevölkerung sich ruhig verhalten solle. Falls auch nur ein Soldat belästigt würde, würde die ganze Stadt bombardiert.

Aber die richtige Hölle fing nach ein paar Tagen an. Kommissar in der Stadt war Kramer, der größte barbarische Sadist, der vorher als Hauptkommandant im KZ Dachau gedient haue und nun den Auftrag hatte, die Juden in Wloclawek zu vernichten. Der Name Wloclawek wurde in Leslau umgewandelt. In der A.B.C. -Zeitschrift, dem "Leslauer Boten" erschienen jeden Tag drakonische, antijüdische Anordnungen.

Große Panik herrschte in der Stadt. Viele Juden flohen in kleine Städtchen, wo es noch ruhiger war. Keine andere Stadt hat damals so gelitten wie Wloclawek. Ihr richtiges Gesicht haben die deutschen Besatzer erst am Jom Kippur Tag gezeigt. Hunderte Sturmbannführer kamen in die Stadt.
Wloclawek, der Geburtsort von Orna Birnbach ist heute eine Stadt mit etwa 125.000 Einwohnern. Die Stadt, die während der deutschen Besetzung in Leslau umbenannt wurde, ist im zweiten Weltkrieg zu einem Drittel zerstört worden. Die Bilder unten stammen von der offiziellen Homepage von Wloclawek.



Wloclawek, historische Aufnahme



Kirche Johannes der Täufer 1538
 
 
Wieder haben die Juden daheim gebetet. In unserem Haus hat man im 1. Stock bei Familie Kazimierski gebetet. Während des Gebetes
Wilna / Vilnius (Littauen)
sind Hunderte von Bewaffneten in Helmen und mit dem Geschrei: "Hier, hier!" in die Wohnung gestürmt. Sie stellten Maschinengewehre auf den Tisch, hielten den Menschen Revolver an die Schläfen und fingen an sie zu erschießen. An diesem Abend wurden in der Stadt fast 80 Menschen ermordet.

Wem es gelang vor dem Tod weg zu rennen, wurde mit Kolben traktiert und in die Drugon Schule gejagt und gezwungen, dort mit den eigenen Jacken, dem Gebetsschal und den Kitteln die Toiletten und den Fußboden zu putzen. Am nächsten Tag sind mehrere Sturmbannführer in die Stadt gekommen. Die Straßen waren schwarz von den schwarzen Uniformen. Beide Synagogen wurden in Brand gesetzt Während die Synagogen brannten, haben sie auf der 3. Mai Straße (Ulica 3. Maya) Hunderte Juden gefasst und sie beschuldigt, dass sie den Brand gelegt hätten.

Mit erhobenen Händen hat man sie durch die Stadt ins Gefängnis gejagt. Am Sonntag Abend sind Szenen passiert, welche unsere Landsleute bis zum letzten Tag ihres Lebens nicht vergessen werden. Die Männer hat man auf dem Wolnosci-Platz - im Krieg wurde er Adolf-Hitler-Platz genannt - sich mit dem Gesicht auf den Boden legen lassen und auf sie getreten. Dann mussten sie sich in Gruben legen, die vor Kriegsausbruch gegen Luftangriffe ausgegraben worden waren. Maschinengewehre wurden auf dem Platz aufgestellt und den Männern befohlen, ihr letztes Gebet zu sprechen; sie sollten erschossen werden. Man hat sie bestialisch geplagt und sie am Ende ins Gefängnis gejagt. Dort sind danteske Szenen vorgekommen. In der ganzen Umgebung hat man das Geschrei und das Weinen der Opfer gehört.

Im Gefängnis hat man die Männer mit dem Gesicht zur Wand gestellt und in die Mauer geschossen. Die Männer waren schon so verzweifelt, dass sie kniend um ihre Erschießung gefleht haben. Dann hat man eine große Gruppe in die Zellen geführt. Dort mussten sie mit erhobenen Händen 24 Stunden lang stehen. Alle zehn Minuten hat man ein paar Personen aus den Zellen heraus geführt, draußen in die Luft geschossen und sie dann in eine andere Zelle gejagt, damit die anderen denken sollten, sie seien erschossen worden.

Zwei Tage später hat man die Männer als Geiseln in eine Kaserne geführt und sie gezwungen, neben dem Hakenkreuz zu salutieren. Die jüdische Gemeinde wurde verpflichtet, sie mit Verpflegung zu versorgen; sonst würde man sie verhungern lassen. Die Gemeinde musste außer den Geiseln täglich 500 Leute zur Arbeit abordnen. Dabei wurden sie erbarmungslos geschlagen.

Erst als die Gemeinde eine große Abfindung, die drei Mal erhöht wurde, bezahlt hatte, wurden die Männer frei gelassen.
Wilna, in der Landessprache Vilnius genannt, ist heute die Hauptstadt der Republik Littauen. Von 1920 bis 1939 gehörte die Stadt jedoch zu Polen. Die Bilder und die Beschreibung des jüdischen Viertels stammen von der Homepage des Tourismusbüro der Stadt Wilna. Die Altstadt von Wilna ist heute Weltkulturerbe der UNESCO.




Panorama von Wilna



Das Jüdische Viertel umfaßt die Stikliu- (Glasbläser-), Zydu- (Jüdische), Jatku, Gaono, Švarco und einige andere Straßen, wo früher das jüdische Ghetto war. Schmale und krumme Gassen mit Querarkaden haben ihr primäres Aussehen bewahrt. Hohe Häuser hatten am häufigsten überhaupt keine Tore, und niedrige und kleine Türen waren mit Eisen beschlagen. Einige Häuser wiesen nur zwei Fenster auf. Die Lädchen waren oft nur noch ein paar Meter tief, und die Tür mußte das Fenster vertreten. Die Besitzer solcher Läden und Werkstätten saßen oft an der Tür und forderten die Passanten auf, vorbeizukommen.




Synagoge von Wilna





Sie sind hier:
ak-extra / denk-mal / orna birnbach / briefe
linkes elementzurueckelementguestbookelementsend e-mailelementsitemapelementhomerechtes element




© 1999 - 2007 by Aléxandros Kiriazis
Falls Sie links keine Navigationsleiste sehen, klicken Sie bitte hier, um zur Startseite zu gelangen.