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Die Geschichte von Orna Birnbach

"Die Jugend von heute trifft keine Schuld, aber sie hat die Verantwortung für die Zukunft"

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Orna Birnbach, wurde 1928 als Tochter von Oskar und Guta Blauner im polnischen Wloclawek geboren, wo sie bis 1939 glücklich lebte.
Polen


1939
Zwei Wochen nach Kriegsbeginn wurde Wloclawek von den Deutschen besetzt. Juden mußten von diesem Zeitpunkt an einen gelben Fleck auf dem Rücken tragen, durften nur noch rechts auf dem Fahrweg gehen und hatten sich vor jedem SS-Mann zu verbeugen. Der Besitz der jüdischen Familien wurde beschlagnahmt und nach 18 Uhr durften sie nicht mehr auf die Straße. Die ersten Juden wurden erschossen und nur zwei Monate nach Kriegsanfang gab es in dem Ort bereits 80 Tote. Die Familie flüchtet noch im selben Jahr nach Tarnów.

Landkarte von Polen
1942
11. Juni 1942. Die Deutschen überprüften die Pässe der Juden. Wer
einen bestimmten Stempel im Pass hatte, dem gaben sie Arbeit, alle anderen wurden nach Osten abtransportiert, wo sie angeblich in
Orna Birnbach
Bilder aus glücklichen Tagen
der Landwirtschaft arbeiten sollten.

Doch zu dieser Zeit gab es schon Gerüchte über Vernichtungslager und niemand glaubte der Ausrede. Zu Ornas Familie kam der SS
Oberscharführer Hermann Blache aus Bochum. Sie mußte mit ansehen, wie er und sein 16jähriger Sohn Gerald ihren Großvater erschossen, weil er keinen Stempel hatte. Fast alle ihre Verwandten kamen in Tarnów ums Leben. Tausende von Juden wurden einfach erschossen. Auf dem Markt, im Wald, auf dem Friedhof. Kinder wurden von den Müttern getrennt. Wenn die Deutschen bei den Müttern versteckte Kinder fanden, wurden diese erschossen oder angezündet. Viele Tausend Juden wurden ins Vernichtungslager Belzec abtransportiert.

Als für den nächsten jüdischen Feiertag eine weitere Aktion der SS angekündigt wurde, bestach Ornas Vater drei SS-Offiziere mit seinem letzen Geld und versteckte sich mit seiner und einigen anderen Familien im Keller ihres Hauses. Die SS-Offiziere hielten wundersamerweise ihr Wort und beschützen das Haus, während draußen das Geschrei der Mörder, ihre Stiefel und das Gebell ihrer Hunde zu hören war.


1943
Im September 1943 wurde das Ghetto in Tarnów aufgelöst und die Nazis erklärten die Stadt für judenrein. Die Familie Blauner wurde im Arbeitslager Plaszow bei Krakau interniert. Obwohl erst 15, gab sich Orna Birnbach als 20jährige aus, um zur Arbeit eingeteilt und nicht ins KZ Auschwitz geschickt zu werden. Inzwischen wußten alle, daß Auschwitz das Hauptvernichtungslager war. An einem Morgen mußten sich alle 11000 Juden des Ghettos auf dem großen Platz aufstellen, um zur Arbeit eingeteilt zu werden. An diesem Tag besichtigte Kommandant Amon Göth das Ghetto, um Arbeiter für das Lager auszuwählen. Wer nicht ausgewählt wurde, kam sofort nach Auschwitz. Obwohl Göth nur nach jungen und starken Männern suchte, überzeugte ihn Ornas Vater, daß auch Frauen notwendig seien, die putzen und Pelze reparieren konnten. So konnte er noch 15 Frauen vor dem Transport nach Auschwitz retten, unter anderem Orna und ihre Mutter, nicht jedoch die Schwester. Fortan kümmerte er sich um seinen Neffen Pinek, wie um seinen eigenen Sohn.

Die Männer mußten im Steinbruch arbeiten, während die Frauen Baracken bauten, deren Blick direkt auf den sogenannten Todeshügel gerichtet war. Zu Tausenden wurden dort Kommunisten, Partisanen, Widerstandskämpfer, Juden und Menschen, die Juden versteckt hatten, erhängt oder erschossen.

Einige Male mussten sich die Frauen ausziehen und nackt über den Appellplatz rennen. Dabei wurde ihre Gesundheit überprüft, ob sie eine Brille trugen oder ob sie auffallend blass waren. Die Frauen, die krank oder alt waren, wurden sofort nach Auschwitz abtransportiert. In dieser Zeit verband Orna Birnbach eine innige Freundschaft mit ihrem Cousin Pinek. Als sie eines Tages auf dem Weg zu ihm war, sah sie grade noch wie der Obersturmführer Grimm auf Pinek zielte und ihn vor ihren Augen erschoss.


1944
Seit Mai 1944 transportierten die Nazis nachts Kinder und Kranke aus Plaszow ab, das seit Januar 1944 ein Konzentrationslager war. Sie ließen dabei laut Kinderlieder spielen, um die Mütter und Kinder zu beruhigen, doch sie schrien und weinten ohne Unterlaß. Nachdem die Kinder entfernt waren, begann man die Frauen nach Auschwitz zu deportieren.

Im gleichen Jahr wird Orna von ihrem Vater getrennt. Er wird schließlich im Außenlager Melk des KZ Mauthausen ermordet, während sie selbst wird mit ihrer Mutter nach Auschwitz transportiert wird.
Orna Birnbach mit der Mutter und den Großeltern
Orna Birnbach mit der
Mutter und den Großeltern



Guta Blauner, Mutter von Orna Birnbach
Guta Blauner
Mutter von Orna Birnbach



Oskar Blauner, Vater von Orna Birnbach
Oskar Blauner
Vater von Orna Birnbach

Dort angekommen, war der Himmel so schwarz vom Rauch der Krematorien, daß er praktisch nicht zu sehen war. Die deutschen
Orna Birnbach:
"Leben nach der Shoah"
Bewohner der Umgebung beschwerten sich nicht darüber, daß dort Juden verbrannt wurden, sondern über den Gestank. Nur 10% der deportierten Frauen wurden zur Arbeit eingeteilt, die anderen sofort vergast.

Auch Orna und ihre Mutter mußten sich ausziehen und sollten mit den anderen Frauen zusammen duschen. Sie wußten bereits, daß die Deutschen das den Juden erzählten, um sie dann zu vergasen. Als sie dort mit ihrer Mutter in dem dunklen abgesperrten Raum stand und sich innerlich auf den Tod einstellte, war ihr einziger Gedanke, daß niemand sie rächen würde und daß die Welt jetzt nie erfahren würde, was passiert sei. Es wären tatsächlich ihre letzten Gedanken gewesen, doch aus den Duschen kam nur Wasser. Wie Orna später berichtete, war dies der Augenblick in dem sie sich schwor, daß sie nicht schweigen würde, falls sie überleben sollte. Sie schwor sich der Nachwelt zu berichten, was passiert war und wollte das Sprachrohr für alle Toten sein.

Morgens wurden sie schon um 5 Uhr früh mit dem Ruf "Aufstehen, jüdische Huren!“ geweckt. Zwei aus der Baracke holten dann einen Eimer mit pechschwarzem Kaffee und jede bekam eine einzige Scheibe Brot, sonntags sogar mit Margarine und Marmelade. Ihr wurde eine Nummer eintätowiert, die sie noch heute trägt und unter der sie in der Baracke erkannt werden sollte: 20713. Ab diesem Tag wurde sie nicht mehr bei ihrem Namen genannt, sie war nur noch eine Nummer.

In Auschwitz gab es eine Baracke, die speziell für medizinische Untersuchungen gebaut worden war und in denen der berüchtigte NS Arzt Mengele einige seiner grausamen Untersuchungen machte.


Orna Birnbach - Leben nach der Shoah

Texte und Dokumente
Hrgb. Andreas Disselnkötter
und Karin Schiele.
Mit einem Vorwort v. Wolfgang Clement
und einem Beitrag v. Klaus Lohmann. Bochum 2002, ISBN 3-
931999-09-2

Das Buch berichtet im ersten Teil über die skandalösen Umstände, von denen Ihre Vortragsreise in Bochumer Schulen überschattet war. Danach kommen die Schüler zu Wort, die ihren Vorträgen beigewohnt haben und schließlich gibt es noch Auszüge aus dem Prozess zu lesen, in dem Orna Birnbach in Bochum gegen den Nazi Blache ausgesagt hat. Beklemmende Eindrücke über ein Leben nach der Shoah, aber auch Elemente der Hoffnung, denn bei denn Schülern kam Ihre Nachricht an.
So wurden zum Beispiel Zwerge darauf untersucht, ob ihre Organe ebenfalls zwergenhaft waren und Zwillinge darauf, ob sie auch von  
innen gleich aussähen. Eine von Ornas Freundinnen hatte zwei unterschiedlich farbige Augen. Sie kam in die Baracke, wo man ihr
Besonderer Dank an
Orna Birnbach
bei vollem Bewußtsein beide Augen herausriß, um sie nach Deutschland zur Untersuchung zu schicken.

Ende 1944 waren von Ornas Transport nur noch 220 Frauen übrig, doch nur für 200 von ihnen war Platz auf dem vorgesehenen Transport ins thüringische Mühlhausen, eine Außenstelle des KZ Buchenwald. Orna wurde ausgewählt, ihre Mutter jedoch nicht. Orna bettelte und flehte, doch der befehlshabende Offizier meinte nur, sie dürfe gerne mit ihrer Mutter in Auschwitz bleiben, doch die Mutter käme auf keinen Fall mit. Warum sie schließlich alleine ging und ihre Mutter zurück ließ, kann sie bis heute nicht sagen.

Da sich für die auf Effizienz bedachten Nazis der Aufwand der Vergasung für die 20 in Auschwitz verbliebenen Frauen nicht lohnte, brachte man sie in einem Raum neben der Gaskammer unter.


1945
Mit dem näher Rücken der Roten Armee wurde Auschwitz 1945 aufgelöst, um alle Spuren zu verwischen. Die Besatzung machte sich mit den restlichen Gefangenen auf zu den Todesmärschen. Nur die Schwächsten, darunter auch Ornas Mutter, blieben zurück und sollten später von einem Wagen abgeholt werden. Drei Tage später sollten sich die verbliebenen Juden erneut zum Abmarsch aufstellen. Wer dennoch im Lager bliebe, sollte erschossen werden. Ornas Mutter blieb und wartete auf den Tod. Am 27. Januar 1945 wurde sie von der roten Armee gefunden und gerettet.

Im KZ Mühlhausen, wo sie zur Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik herangezogen wurde, ahnte Erna nichts von dem Schicksal ihrer Mutter, sie hielt sie für tot.

Nur kurze Zeit später brachte man sie mit Güterwagen nach Celle. Von dort aus mußte sie die 80 km bis in das KZ Bergen Belsen zu Fuß laufen. Die männlichen SS-Soldaten waren zu der Zeit bereits geflohen, nur noch die weiblichen Aufseherinnen waren dort geblieben. Orna mußte nun erfahren, daß es noch grausamere Menschen gab, als die SS Offiziere. Um keine Spuren für die immer näher rückende britische Armee zu hinterlassen, vergifteten sie das Essen und zerschnitten die Wasserleitungen. Sie schlossen die Gefangenen in den Baracken ein, um nicht selber von dem umgehenden Typhus angesteckt zu werden. In der Nebenbaracke starb in jenen Tagen Anne Frank an Hunger, Durst und Krankheit.

Auch Orna war schwer krank und um sie herum lagen ihre toten Freundinnen. Die Überlebenden litten unter Durst, Hunger und unvorstellbaren Schmerzen. Am 15. April 1945 wird Bergen-Belsen von den Engländern befreit. Bei ihrer Befreiung wog Orna nur noch 32kg und lag im Sterben, als man sie in eine Krankenstation nach Lingen brachte. Da die Verwandten alle tot waren, kam sie in ein Lager nach Diepholz (Niedersachsen). Dort erhielt sie im August den Brief von ihrem Onkel aus Tel Aviv, der ihr berichtete, daß ihre Mutter noch lebt. Beide emigrieren wenig später getrennt voneinander nach Palästina und sehen sich dort erstmals wieder.
Frau Birnbach bin ich 1987 im Rahmen einer Schülerreise nach Israel begegnet. Im Massuah Institut erzählte sie uns Ihre Geschichte, die uns sehr erschüttert hat. Jetzt, nahezu zwanzig Jahre später, nachdem ich eher zufällig noch einmal mit ihrer Geschichte in Berührung kam, war die Zeit reif für mich, Stellung zu nehmen. Mit dieser Seite möchte ich ihre großartige Arbeit und ihren Kampf gegen das Vergessen würdigen und auch unterstützen.


Die nebenstehende Biographie, die ich über das Leben von Frau Orna Birnbach schrieb, entstand anhand des oben genannten Buches und in der Zusammenfassung von verschiedenen Artikel, die ich bei einer Recherche im Internet fand. Vor allem aus folgenden Quellen:

Gymnasium Damme (die Seite wurde inzwischen gelöscht)
BBS Friesoythe
Fritz-Brauer-Institut
Kokenbrink.de

Der Text enthält ferner Informationen, die ich persönlich von Frau Orna Birnbach erhalten habe.

Ich bedanke mich besonders bei Frau Birnbach für Ihr Einverständnis, daß ich hier Ihre Geschichte darstellen darf und für Ihre freundliche Unterstützung.

Orna Birnbach bei einer Vortragsreise in deutschen Schulen im Jahr 2004 Orna Birnbach bei einer Vortragsreise in Kreis Limburg/Lahn 2004


1964
Orna Birnbach kam das erste Mal 1964 zurück nach Deutschland.
denk-mal
von Aléxandros Kiriazis
Sie folgte einer Einladung der Dortmunder Staatsanwaltschaft, um in Bochum gegen führende, ehemalige SS-Angehörige auszusagen. Zuerst gegen Hermann Blache, der 1942 ihren Großvater ermordet hatte. Wie den Zeitungsartikeln aus dieser Zeit zu entnehmen ist, schlägt ihrem Anliegen keine Sympathie entgegen. Die Bevölkerung sympathisiert eher mit den Angeklagten. Hermann Blache wird zwar lebenslänglicher Haft verurteilt, aber so wie viele andere Nazi Verbrecher auch, wurde er nach einigen Jahren entlassen und bekam eine gute Rente.

Bis 1974 sagte sie in insgesamt vier Prozessen in Bochum aus. Im April 1972 beklagte sie die günstige Stimmung für die Angeklagten bei Gericht in einem Brief an den nordrhein-westfälischen Justizminister. Unter anderem waren Sie und der Hauptangeklagte im selben Hotel unter gebracht worden und er hatte sie im Frühstücksraum beobachtet. Auch auf den Gerichtsgängen habe er sie angesprochen und dabei bedauert, dass er die Zeugin nicht beeinflussen dürfe.

Orna Birnbach sagt 1971 in Wien und 1977 in Hannover, noch in zwei weiteren Prozessen aus. Diesmal im Zusammenhang mit den Massenverbrechen in Plaszow.
In Deutschland:

Nie wieder ! Nie wieder ?

Warum brennen dann Häuser
in Rostock?
Und warum in Solingen?

Warum sollen AIDS Kranke
isoliert werden?
Und warum Ausländer raus?

Warum werden jüdische
Gräber geschändet?
Und warum Schwule geprügelt?

Warum nehmen uns Asylbewerber
die Arbeitsplätze?
Und warum heißt es Nigger?

Warum haben wir dann Angst
vor Kopftüchern?
Und warum vor Zigeunern?

Warum? denk-mal !


Orna Birnbach lebt heute in Tel Aviv, ist verheiratet und hat zwei Töchter und vier Enkelkinder. Sie kommt oft nach Deutschland, um
Mehr Informationen
den nachfolgenden Generationen, die keine Vorstellung vom Krieg haben und über die schrecklichen Taten während der Nazizeit höchstens in Büchern lesen können, von ihrem Leben zu erzählen. Als Zeitzeugin fährt sie auch häufig mit Gruppen nach Polen. Ihre Mutter schwor sich damals nie wieder nach Deutschland zu fahren und nie wieder einem Deutschen die Hand zu schütteln. Sie hat ihren Schwur ebenso gehalten wie Orna den ihren.




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